>23. September 2012

Innovation oder Pseudoinnovation?

von Clemens Böge

Innovation ist immer gut. Ganz grundsätzlich und gleichsam per definitionem. Von Manufactum und ähnlichen Retro-Anbietern mal abgesehen, versucht wohl jede Organisation, sich und ihre Produkte und Dienstleistungen irgendwie als innovativ in Szene zu setzen. Innovativ ist neu und besser und verspricht einen größeren Nutzen für den Kunden. Ab wann man nun wirklich von einer Innovation sprechen kann und bis wohin das Ganze eher der Marketingstrategie zugeschrieben werden muss, lässt sich nicht immer genau sagen. Ich habe jedenfalls immer häufiger das Gefühl, dass neue Produkte entweder mehr können als ich brauche oder weniger halten, als sie versprechen. Woran liegt das?

Die Theorie bietet an dieser Stelle eine hilfreiche Unterscheidung an, nämlich die zwischen nachhaltigen (sustainable) und disruptiven (disruptive) Innovationen. Diese Begriffe wurden vom Ökonomen Clayton Christensen geprägt, der damit folgende grundlegende Idee verbindet: Nachhaltige Innovationen bestehen in der Verbesserung bestehender Produkte, die dann teurer verkauft werden können. Für diese Entwicklung sind zumeist etablierte Unternehmen verantwortlich, die erfolgreiche Produkte so lange weiter entwickeln, bis sie die Bedürfnisse auch der anspruchsvollsten Kunden erfüllen oder sogar hinter sich lassen (“overshooting”). Diese Unternehmen bekommen dann ein Problem, wenn plötzlich und aus dem toten Winkel ein kleiner Wettbewerber auftaucht, der mit einer gänzlich neuen Idee oder Herangehensweise – einer disruptiven Innovation – die Spielregeln ändert und den Markt aufmischt.
Erstaunlicherweise passiert das nicht obwohl, sondern gerade weil die etablierten Player sich stark an ihren Kunden orientieren. Diese sind jedoch in der Regel nicht wirklich empfänglich für völlig neue Ideen, weil grundsätzlich zufrieden mit dem, was sie kennen. Auch birgt jede radikale Neuerung immer eine Reihe von Risiken und “Kinderkrankheiten.” In weiterer Folge verschlafen gerade Branchenführer häufig wichtige, vor allem technologische Veränderungen und überlassen neuen Playern das Feld. Christensen nennt diese Zwickmühle zwischen dem Neuen und dem wirklich Neuen das “Innovator’s Dilemma”.

Mein Lieblingsbeispiel für nachhaltige Innovationen (man darf sie gelegentlich ruhig Pseudoinnovationen nennen) ist das Segment der Nassrasierer. Im Grunde funktioniert jedes Modell nach einem ziemlich einfachen und schon recht alten Prinzip: Eine scharfe Metallklinge wird in einem spitzen Winkel zur Oberfläche des männlichen Gesichts angesetzt und man schneidet alsdann, unterstützt durch allerlei Schäume oder Gels, das Barthaar möglichst nah am Stumpf ab. Nachdem ein gewisser Herr Gilette im Jahr 1901 ein Patent für die Urform des heutigen Nassrasierers angemeldet hat, ist dann eigentlich nicht mehr viel passiert. Sicher, die Klingen wurden schärfer, vor allem aber immer zahlreicher. Mittlerweile sind es bis zu fünf Stück, die hintereinander über die Haut gleiten, eine jede kümmert sich um die Reste der vorherigen. Verschieden beschaffene Oberflächen vor und hinter den Klingen haben sicher auch irgend etwas Wichtiges zu verrichten, ebenso wie die Gelenke, die den Rasierer sicher über alle Unebenheiten gleiten lassen sollen. Den vorläufigen Höhepunkt der Entwicklung stellt die Verwendung einer Batterie in einem Nassrasierer dar, was immer sie dort auch für Aufgaben hat.
Ob das alles tatsächlich zu einer spürbar besseren, glatteren und angenehmeren Rasur führt, kann ich nicht beurteilen. Ich verwende immer noch ein Modell mit lediglich zwei Klingen, das meinen Ansprüchen bisher genügt hat. Das wirklich spürbare Ergebnis all dieser “Innovationen” ist allerdings ein permanenter Preisanstieg – bei den Topmodellen sind mittlerweile knapp 5€ pro Klinge zu zahlen. Ich finde, zu viel für das bisschen Fortschritt und warte weiterhin auf eine radikalere Verbesserung.

Was sind Eure Lieblings-Pseudoinnovationen? Ich freue mich über Kommentare.

 

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