>20. Juni 2013

Lesenswert: Lean Startup von Eric Ries

von Clemens Böge

Um ehrlich zu sein, müsste ich diesen Beitrag mit „bedingt lesenswert“ betiteln. Neben vielen guten Ideen und Ansätzen enthält Lean Startup nämlich auch einiges, was ich beim Lesen mühsam oder nicht so ergiebig fand.
Grundsätzlich geht es bei Lean Startup darum, ein Gründungsvorhaben so zu gestalten, dass es schneller und mit geringerem Risiko zu einem Erfolg wird. Basis für die vorgeschlagenen Ansätze und Methoden sind vor allem die eigenen Erfahrungen des Autors sowie die konzeptionelle  Anlehnung an Grundprinzipien der Lean Production, wie man sie aus der Automobilproduktion kennt.

Eric Ries ist ein erfahrener, erfolgreicher und preisgekrönter Entrepreneur und man muss ihm zugute halten, dass er sehr offen und selbstkritisch mit den eigenen Fehlern der Vergangenheit umgeht. Dennoch bleiben die vielen Fallbeispiele und Erfahrungsberichte oft etwas anekdotisch und ich konnte für mich nicht so viel daraus ableiten. Das mag auch daran liegen, dass die Welt, in der Lean Startup spielt, von Online-Plattformen, technologischen Innovationen und Venture Capital dominiert wird. Viele Gründer, mit denen ich zu tun habe (mich selbst eingeschlossen), bewegen sich außerhalb dieses klassischen Silicon-Valley-Startup-Style und entsprechend bedarf es einiger Übersetzungsarbeit für die Anwendung auf das eigene Projekt. Manches lässt sich überhaupt nur schwer übertragen.

Feedbackschleife und MFP

Sehr hilfreich für jede Form und Größe von Gründungsvorhaben finde ich allerdings einen Grundgedanken des Konzepts, nämlich das eigene Tun als ein auf Hypothesen basierendes Arbeiten anzusehen. Die Zukunft bei einem Startup ist i.d.R. höchst ungewiss und um unter diesen Rahmenbedingungen voran zu kommen, müssen wir Annahmen treffen und diese überprüfen. Folglich besteht für Eric Ries die Hauptaufgabe eines Startups darin zu lernen. Produkte werden entsprechend als Experimente betrachtet, die möglichst schnell mit Kunden in Kontakt kommen sollten, um aus den Rückmeldungen Informationen für die weitere Entwicklung abzuleiten. Der dazu gehörige Prozess sieht wie folgt aus:

Lean Startup Prozess (Quelle: http://theleanstartup.com)

Lean Startup Prozess (Quelle: http://theleanstartup.com)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus Ideen wird relativ schnell ein erstes Produkt, das zwar noch fehlerhaft sein kann, dessen Auswirkungen aber gemessen werden können. Dieses Produkt wird MFP – Minimal Funktionsfähiges Produkt genannt (engl. MVP – Minimal Viable Product). Die Erkenntnisse aus den Messungen gehen ein in die permanente Verbesserung der Grundidee bzw. führen zur Falsifizierung einer ursprünglichen Hypothese. Die Planung einer solchen Feedbackschleife verläuft in genau umgekehrter Reihenfolge: Die erste Frage ist: Was müssen wir lernen?, die zweite: Wie können wir das messen? und die dritte: Wie muss das Produkt aussehen, das uns diese Messung ermöglicht?
Wie gesagt, die Details dieser Vorgehensweise sind jenseits von Online-Plattformen oft schwierig umzusetzen. Sie geht auch von der Annahme aus, dass frühe Nutzer ein fehlerhaftes Produkt akzeptieren und an der Weiterentwicklung irgendwie interessiert sind. Die dahinter liegende Philosophie jedoch, schnell ins Tun zu kommen (statt ewig im stillen Kämmerlein zu planen) und sich in kleinen Zyklen bei geringerem Risiko zu bewegen (statt alles auf eine Karte zu setzen), finde ich sehr hilfreich. Hier besteht auch einen große Übereinstimmung mit dem Effectuation-Konzept, von dem an dieser Stelle schon öfter die Rede war.

Kurswechsel

Ein anderes hilfreiches Instrument ist für mich der Katalog denkbarer Kurswechsel, die Vorhaben nehmen kann. Kaum ein neues Unternehmen kommt im Laufe des Entstehungsprozesses ohne gröbere Veränderungen des Geschäftsmodells aus, da sich Annahmen als nicht haltbar erweisen. Die dann nötigen Korrekturen können z.B. folgende Formen haben:

  • Zoom-In Korrektur: Ein einzelner Teil eines Pakets an Services, Features etc. wird zu einem neuen Angebot.
  • Zoom-Out Korrektur: Das Gesamtpaket wird zu einem Teil eines größeren Angebots.
  • Kundensegmentkorrektur: Es kaufen andere Kunden als gedacht.
  • Kundenbedarfskorrektur: Es haben die „richtigen“ Kunden Interesse, aber wir müssen ein anderes Problem lösen, als ursprünglich gedacht.
  • … (Ries bietet insgesamt 10 Formen an)

Die Einordnung dessen, was sich bei meinem eigenen Vorhaben gerade abspielt, in die Struktur dieser Kurswechsel, gibt Orientierung und beschleunigt m.E. die Lösungsfindung. Die Konsequenzen für das gesamte Geschäftsmodell lassen sich übrigens sehr gut mithilfe der Business Modell Canvas durchspielen.

 

Schließlich sei noch eine Warnung ausgesprochen: Ich habe den Fehler gemacht, die deutsche Übersetzung zu lesen und ich kann nicht ausschließen, dass diese dazu beigetragen hat, dass ich den Inhalten ein wenig ambivalent gegenüber stehe. Sie ist über weite Strecken furchtbar und ich empfehle (ohne es zu kennen) das englische Original.

 

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