>5. Oktober 2015

Der Coaching-Wahn

von Clemens Böge

Der Einstieg in die kürzlich ausgestrahlte 3sat Dokumentation mit dem oben zitierten Titel (zu sehen hier) bedient gleich mal alle negativen Klischees, die man in Bezug auf Coaching haben kann: Ein „Business-Schamane“ hält mit Trommeln, Feuer und allerlei Tamtam ein Ritual ab. Da werden „Engpässe beseitigt“, „Energien freigesetzt“ und große Versprechen in Bezug auf den zukünftigen beruflichen Erfolg der Teilnehmer gemacht.
Nächste Szene. Ein Coach führt eine Gruppe von Menschen in herausforderndes alpines Gelände. Er bedient sich dabei diverser Holzhammer-Metaphern und mehr oder weniger suggestiver Fragen, wenn die Teilnehmer nicht von sich aus konzeptkompatibel antworten.

Coaching ist keine geschützte Berufsbezeichnung, das gilt gleichermaßen in Deutschland wie auch in Österreich. Dadurch bedingt gibt es nicht nur seriöse und fundierte Angebote, sondern sicher auch einiges an fragwürdigen Methoden und Herangehensweisen. Dem geht die sehenswerte 3sat Dokumentation im weiteren Verlauf nach. Im Zentrum steht immer wieder die Frage nach der Wirksamkeit von Coaching Maßnahmen und die befragten Experten sind da alles andere als einig. Eine Wirtschaftswissenschaftlerin hat im Rahmen ihrer Promotion einen grundsätzlich positiven ROI von Coachingmaßnahmen errechnet. Coaching-Klienten sind demnach zufriedener, seltener krank, treffen seltener schlechte Entscheidungen und gewinnen mehr Kunden. Ein Wirtschaftspsychologe bezweifelt dagegen die praktische Messbarkeit aufgrund der vielen Einflussfaktoren in beruflichen Situationen. Ein anderer Psychologe geht sogar soweit, dass Coaching wahrscheinlich vom Markt genommen werden müsste, wäre es ein Medikament.
Der Erfolg bleibt wohl eine sehr individuelle Sache und ist nicht nur von Methoden, sondern sehr stark von den jeweils handelnden Personen und ihrer Beziehung abhängig.

In der Dokumentation wird sehr wohl auch ein Gegenentwurf zum Schamanen angeboten: Ein seriöser Herr mittleren Alters mit Schnurrbart, Anzug und Krawatte sitzt in einem Konferenzraum seinem Klienten am Besprechungstisch gegenüber. Und auch wenn hier vieles zu sehen ist, das ich für angemessen und sinnvoll halte (gute Fragen stellen, prozessorientiert denken, keine Show abziehen), fühle ich mich als Coach nicht wirklich repräsentiert. Irgendwie wird hier dem einen Klischee ein anderes gegenüber gestellt. Vielleicht muss das im Fernsehen so laufen, selbst im öffentlich-rechtlichen.

Unabhängig davon finde ich ein paar Analysen und Hypothesen der Dokumentation sehr interessant und hilfreich – sowohl für Coaches als auch für (potentielle) Kunden:

  • Nicht alle Firmen, die für Coaching bezahlen, glauben an die Wirksamkeit. Coaching ist aber mittlerweile ein attraktiver Teil eines Leistungspakets, mit dem Unternehmen im Wettbewerb um Arbeitskräfte punkten können.
  • Coaching-Ausbildungen sollten kritisch geprüft werden, sowohl hinsichtlich Umfang als auch in Bezug auf die propagierte beraterische Haltung.
  • Methodische Eigenkreationen von Coaches, gern auch mit Copyright Vermerk, dienen häufig mehr dem Selbstmarketing als der Unterstützung der Klienten. (Ähnliches ließe sich sicher auch über von Beratern geschrieben Bücher sagen. Dass das aber grundsätzlich funktioniert, lässt sich vielleicht daran ablesen, dass fast alle in der Dokumentation befragten Experten ein Buch zum Thema Coaching geschrieben haben.)
  • Trainingsmaßnahmen führen vor allem dann zu Verhaltensänderungen im Alltag, wenn der Trainingskontext dem Berufsalltag ähnlich ist.
  • Coaching ist mehr als Bauchgefühl, sondern braucht vielmehr eine gute methodische und wissenschaftliche Fundierung.

Auch hier kann ich nicht alle Aussagen sofort und bedingungslos unterschreiben. Diskutierenswert sind sie allemal.

 

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