>30. Januar 2017

Zurück an die Arbeit!

von Clemens Böge

Zurück an die Arbeit! Das wird der eine oder die andere zu Jahresbeginn mehr oder weniger missmutig vor sich hin gebrummt haben, als es nach den Feiertagen wieder ins Büro ging. Es ist aber auch der Titel eines Buches von Lars Vollmer und der Autor meint damit etwas anderes. Er beschreibt eine Arbeitswelt, in der eine große Zahl von Menschen einen großen Teil ihrer Zeit nicht wirklich arbeiten, sondern sich mit Dingen beschäftigen, die nur wie Arbeit aussehen: Meetings, Jahresgespräche, Präsentationen, Verhandlungen, Workshops… – Vollmer nennt das Business-Theater. Seine Forderung: Weniger Theater spielen und mehr „echte“ Arbeit leisten.

Vorhang auf

Ein großer Teil des Buches ist der Beschreibung dessen gewidmet, was Vollmer mit Business-Theater meint. Er tut dies unterhaltsam bis amüsant, mit vielen Beispielen und Details, vielen Analogien und Metaphern. Viele der geschilderten Szenen haben gemein, das sich Unternehmen laut Vollmer häufig zu viel mit sich selbst und zu wenig mit ihren Kunden beschäftigen: Interne Referenzen dominieren externe. Manches lässt mich innerlich nicken und an meine eigenen Erfahrungen mit Organisationen denken. Manches lässt mich aber auch etwas ratlos zurück. Ist es wirklich so schlimm? Vielleicht habe ich noch zu wenig in oder mit echten Theater-Organisationen gearbeitet. Schließlich mischt sich hier und da auch ein bisschen Unwohlsein dazu, bin ich als Berater doch manchmal Teil des beschriebenen Theaters. Die Diagnose, dass tayloristisches Management nicht mehr in die Zeit passt und das zuviel Theater die Existenz von Unternehmen sogar gefährden kann, finde ich trotzdem nachvollziehbar. Ebenso die These, dass viele Menschen eigentlich gern mehr „echte“ Arbeit leisten würden, dies aber nicht dürfen und dass die Theaterrollen, in die sie gedrängt werden, sogar krank machen können.

Was tun?

Was aber tun, wenn ich etwas ändern will, wenn ich weniger Theater und mehr Konzentration auf echte Arbeit möchte? Der Untertitel des Buches „Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden“ verspricht Lösungen und auf S. 113 von 188 bin ich immer noch bei der Diagnose. Und dann kommen doch noch einige interessante Gedanken, worauf ich beim Weg zurück an die Arbeit achten sollte. Positiv an diesen Ideen: Vollmer gibt keine allgemeingültige Antwort im Sinne eines one-size-fits-all, er skizziert vielmehr übergeordnete Ideen und betont die Notwendigkeit der individuellen Anpassung.
Einer dieser Gedanken kreist um die viel diskutierte Generation Y und ihre Rolle in der neuen Arbeitswelt. Vollmer sieht in ihr sowohl Treiber als auch Ermöglicher der Entwicklung: „Ohne die geistige Auffrischung gibt es keine Modernisierung der Organisation. Ohne die Modernisierung der Organisation gibt es keine Auffrischung, weil die frischen Geister einen Bogen um die veraltete Organisation machen. Sie haben einfach keinen Bock auf Theater.“ Die Mitglieder der GenY sind demnach nicht die Arbeits- oder Leistungsverweigerer, für die sie manchmal gehalten werden, sondern nur Theaterverweigerer.
Sehr spannend finde ich Vollmers Idee, dass Wissen heutzutage stark überschätzt wird – und Können viel wichtiger ist: „Die einzige mögliche Differenzierung heute geschieht über das Können.“ Damit rücken die Menschen, die Könner, in den Fokus und die beste Organisationsform für ein Unternehmen ist für eine spezifische Aufgabe und gemeinsam mit den Könnern bzw. um sie herum gestaltet. Damit einher geht eine weitere wichtige Differenzierung, die zwischen komplex und kompliziert. Komplizierte Fragestellungen lassen sich mit Wissen lösen und erfordern Regeln. Komplexe Fragestellungen lassen sich mit Können lösen und brauchen Prinzipien. Diese sind unkonkret und es braucht jemanden, der die Erfahrung und das Gespür hat, sie angemessen auf die konkrete Situation zu übertragen. „Der Rest ist Ausprobieren, Weitersuchen, Üben.“

Eine klare Absage erteilt Vollmer der Idee, Unternehmen dadurch verändern zu wollen, dass wir ihnen die Ideen anderer überstülpen. Sie es durch die Anwendung bestehender Organisationskonzepte, sei es durch das Kopieren von Best Practice Beispielen. Nicht die Methode ist gut. Die Leute, die eine bestimmte Praktik erfolgreich anwenden, sind so gut, dass sie diese Methode erfolgreich gemacht haben. Inspirieren (lassen) statt imitieren, ist das Motto. Dem kann ich nur zustimmen.

Lars Vollmer: Zurück an die Arbeit! Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden, Linde 2016

 

Kommentieren