>18. September 2018

Nun sag, wie hast du’s mit der Digitalisierung?

von Clemens Böge

Diese zeitgemäße Variante der Gretchenfrage wurde mir vor kurzem, zumindest so ähnlich, von einer befreundeten Beraterin gestellt. Sie wollte herausfinden, ob ich grundsätzlich „digital“ genug bin, um in Projekten mit entsprechender Thematik als Berater zu agieren. Ich bin nicht mehr sicher, was genau ich in dem Moment geantwortet habe, aber die Frage meines eigenen digitalen Status hat mich noch eine Weile beschäftigt. Ebenso die Frage, ob die allgegenwärtige Digitalisierung wirklich immer für mehr Übersicht, Effizienz und Sicherheit sorgt, wie man es von ihr erwartet.

Wie digital ist die Beraterei?

Einerseits nutze ich natürlich diverse digitale Helferlein, privat wie beruflich. Ich schreibe (zumindest gelegentlich – ich gelobe Besserung) an dieser Stelle Beiträge in der digitalen Sphäre, nutze soziale Medien und verstehe grundsätzlich digitale Geschäftsmodelle und ihre Besonderheiten. Ich berate Kunden, die digitale Produkte verkaufen oder Prozesse digitalisieren wollen. Oder die sich von der Digitalisierung bedroht sehen und entsprechende Veränderungen im Unternehmen voran treiben.

In Workshops arbeite ich dann aber hauptsächlich mit analogen Methoden (siehe Post zu Lego Serious Play), ich schicke Kunden zu Weihnachten handgeschriebene Karten, sammele Schallplatten und bevorzuge auf Xing und LinkedIn Kontakte, die auch eine Entsprechung in der analogen Welt haben – sprich: Menschen, die ich wirklich kenne. Bisherige Experimente mit E-Learning-Formaten wie Webinaren habe ich als eher mühsam erlebt und auch so etwas wie Online-Coaching ist für mich zwar vorstellbar, aber nichts, was ich aktiv voran treibe.

Bin ich nun digital genug? Oder doch zu analog? Oder irgend etwas dazwischen?

„Digital ist besser“ (Tocotronic)

Alles was digitalisiert werden kann, wird früher oder später digitalisiert werden. So sagen viele. Aber ist digital wirklich immer besser? Zumindest begegnen mir häufig Beispiele, wo analoge Lösungen ihre Vorteile haben oder eine wichtige Ergänzung darstellen.

  • Wenn es um Wissensmanagement geht, wird schnell der Ruf nach Datenbanken oder Wikis laut. Häufig genug werden die technischen (digitalen) Lösungen dann aber eher schlecht genutzt, da dort viel Information aber wenig Wissen zu finden ist. Die strukturierte Abbildung von Wissensträgern und der direkte (analoge) Austausch bringen häufig bessere Ergebnisse.
  • Um Geschäftsmodelle zu erfinden oder weiterzuentwickeln, hat sich seit vielen Jahren die Business Model Canvas als hilfreiches Werkzeug etabliert. Auch hochgradig digitale Geschäftsmodelle werden mit Sticky-Notes und Stift zu Papier gebracht. Überhaupt sind die kleinen selbstklebenden Helferlein aus der gesamten agilen Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken.
  • Wer macht gerade was und hat welche Kapazitäten? Teamarbeit digital zu organisieren führt häufig zu Frustration. Ein einfache Antwort kann ein Kanban Board sein, wo analog und für alle sichtbar das aktuelle Geschehen abgebildet ist. Oder sogar das ganze Jahr, wie in der Digitalagentur Format D, wo eine Lego-Wand effizient und übersichtlich Plan und Ist der laufenden Projekte zeigt (interessanter Artikel dazu in brand eins).
  • Bei der Gestaltung moderner Arbeitswelten wird viel über digitale Kommunikationslösungen nachgedacht. Schließlich kann man heute an den verschiedensten Orten arbeiten – in verteilten Teams häufig eine Notwendigkeit. Gleichzeit werden aber bewusst Räume geschaffen, in denen Menschen direkt miteinander in Austausch treten können. Auch dislozierte Teams brauchen regelmäßige Face-to-face Termine, um langfristig gut arbeiten zu können.
  • Einen Hinweis, warum das nach wie vor so wichtig ist, finden wir bei Paul Watzlawik. Der hat nicht nur festgestellt, dass man nicht nicht kommunizieren kann, sondern auch auf die Bedeutung der „analogen Modalitäten“ in der Kommunikation hingewiesen. Vor allem die Beziehungsebene wird stark von den nicht-sprachlichen Anteilen wie Stimmlage und Körpersprache bestimmt. In weitgehend digitalisierten Prozessen fehlt diese Ebene häufig, Missverständnisse sind die Folge – trotz aller Emoticons und Emojis.

Wie so häufig scheint es auch bei der Frage digital oder analog um die Balance zu gehen. Die Vorteile der Digitalisierung also dort zu nutzen, wo sie wirklich Vorteile bietet, ohne jedoch dem Reiz der Technik zu erliegen und unreflektiert alles zu digitalisieren, was möglich ist. Oder wie es im schon erwähnten brand eins Artikel heißt: Dem Digitalen zugewandt, das Analoge in der Hinterhand.

 

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