Äcker, Vorhersagen und schwarze Schwäne

von Clemens Böge

Vor kurzem habe ich ein wirklich interessantes Buch gelesen: „Bodenrausch“ von Wilfried Bommert analysiert die bedenkliche Entwicklung, dass agrarisch nutzbarer Boden in aller Welt immer mehr ins Visier von Konzernen und Finanzinvestoren gerät. Sich ändernde Ernährungsgewohnheiten, Bio-Sprit und eine wachsende Weltbevölkerung führen dazu, dass immer mehr Boden benötigt wird. Gleichzeitig lassen Klimaveränderung, Erosion und Wassermangel die nutzbaren Flächen schrumpfen. Nachfrage und Angebot gehen immer stärker auseinander, die Preise steigen und rufen Investoren und Spekulanten auf den Plan. So weit eine verkürzte Zusammenfassung.

Bodenrausch

Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen

So wichtig und spannend das Thema auch ist – was mich beim Lesen immer wieder irritiert hat, sind die ständig und ausgiebig zitierten Studien und die Zeithorizonte ihrer Prognosen. Die harmloseren Projektionen beziehen sich auf das Jahr 2030 (Fischverzehr pro Kopf: +35%), die meisten trauen sich sogar, etwas über das Jahr 2050 vorherzusagen (Ackerfläche pro Kopf: -32%). Die gewagtesten Hochrechnungen prognostizieren Entwicklungen bis 2070 (ø-Temperatur in Australien: +5°C) oder gar 2080 (Miniermotte reduziert brasilianische Kaffeeplantagen um 60%). Geht das? Oder anders gefragt: Macht das Sinn?

Im Kontext von „Bodenrausch“ geht es natürlich auch darum, ein Gefühl von Dringlichkeit und einen Handlungsdruck zu erzeugen. Nach dem Motto: Wenn wir so weiter machen, passiert das und das (was wir nicht wollen). So gesehen, erfüllen die dramatischen Prognosen sicher einen ehrenwerten Zweck. Bei mir lösen sie aber gleichzeitig Unwohlsein und Kopfschütteln aus, weil ich nicht daran glaube, das derartige Vorhersagen sinnvoll sind.

Schwarze Schwäne

Mit der Frage, wie gut (oder schlecht) wir eigentlich vorhersagen können, beschäftigt sich auch Nassim Nicholas Taleb in seinem Buch „Der schwarze Schwan“. Als schwarze Schwäne bezeichnet Taleb extrem unwahrscheinliche Ereignisse, die jedoch enorme Auswirkungen haben und für die wir erst im Nachhinein kausale Zusammenhänge konstruieren, um sie erklärbar und damit vorhersagbar zu machen: Die Terrorattacken vom 11. September 2001, globale Finanzkrisen oder der Siegeszug des Internets. Taleb bezweifelt ganz grundsätzlich die menschlichen Fähigkeiten, Vorhersagen zu treffen, die über das Wetter von morgen hinaus gehen. Im Wesentlichen macht er drei Dinge dafür verantwortlich:

1. Wir überschätzen generell unser Wissen und unterschätzen die Ungewissheit („epistemische Arroganz“). Oder wie Taleb es ausdrückt: „Wir sind schlicht nicht so klug, dass man uns beim Thema Wissen vertrauen dürfte.“

2. Wir stellen uns die Zukunft als eine weitere Vergangenheit vor und reduzieren sie so zu einer ganz gewöhnlichen Sache. Sie ist aber nicht gewöhnlich, sondern kompliziert und chaotisch.In Wahrheit schaffen wir es nicht einmal, die Vergangenheit wirklich zu verstehen, wir stecken lediglich vergangene Ereignisse in für uns passende Schubladen.

3. Wir verwenden Mittel und Methoden, die nicht geeignet sind, um seltene und unwahrscheinliche Ereignisse zu berücksichtigen (z.B. die Gauß’sche Glockenkurve). Dabei lernen wir nicht aus den schlechten Ergebnissen unser alten Prognosen und machen einfach munter weiter.

Unsere fehlende Fähigkeit, gute Vorhersagen zu machen, führt dazu, dass wir schwarzen Schwänen schutzlos ausgesetzt sind. Wenn wir nun aber Unvorhersehbares (per definitionem) nicht vorhersehen können, was können wir tun?

Was tun?

Bei den kleinen Dingen des Lebens rät Nassim Taleb dazu, sich ruhig zum Narren zu machen. Immer skeptisch zu sein und keiner Vorhersage zu trauen, ist einfach viel zu anstrengend. Nicht zu glauben, kostet viel Kraft. Dort, wo es uns nicht viel schaden kann, dürfen wir ruhig ein wenig arrogant sein, was unser Wissen betrifft.
Bei den großen und wichtigen Entscheidungen hingegen geht es vor allem darum, vorbereitet zu sein. Wir können die Wahrscheinlichkeit sehr seltener Ereignisse nicht berechnen, aber wir können:

  • zwischen positiven und negativen Zufällen unterscheiden und Situationen suchen, in denen sich Ungewissheit gelegentlich auszahlt,
  • uns auf die Konsequenzen konzentrieren, die das Eintreten eines seltenen Ereignisses auf unser Vorhaben hätte und versuchen, diese (im Fall negativer Auswirkungen) abzuschwächen,
  • uns bewusst dem Zufall aussetzen und Gelegenheiten ergreifen, wenn wir sie sehen (Taleb: „Gehen Sie auf Partys!“),
  • skeptisch sein, wenn Ökonomen, Analysten und andere vermeintliche Experten Vorhersagen machen. Je langfristiger die Prognose, desto mehr Skepsis ist angebracht.

Interessanterweise ähneln diese Tipps sehr dem Vorgehen, wie es im Effectuation Konzept für unternehmerische Vorhaben unter Ungewissheit vorgeschlagen wird. Auch dort wird dem Zufall eine große Bedeutung beigemessen. Anstatt sich von Ungeplantem abzugrenzen, sollte man versuchen, sich dem Zufall auszusetzen und das, was passiert, in das eigene Vorhaben zu integrieren (Prinzip der Umstände und Zufälle). Wenn ich weiß, dass ein schwarzer Schwan negative Konsequenzen für mein Vorhaben hat, setze ich nicht alles auf eine Karte, sondern investiere nur so viel, wie ich zu verlieren bereit bin (Prinzip des leistbaren Verlusts).

Wenn die Ungewissheit groß ist und Vorhersagen nicht helfen, kann ich in kleinen Schleifen erkundend vorgehen und Experimente mit kalkuliertem (weil begrenztem) Risiko machen. Trial-and-Error heißt das häufig. Nassim Taleb nennt es „stochastisches Herumprobieren“. Das sieht nicht immer schlau oder besonders professionell aus, ist aber oftmals hilfreicher als Vorhersagen und Planen.

 

Titelbild (Schwarzer Schwan): Fir002 | Flagstaffotos

 

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