>5. November 2020

„Schluss mit den Cookies!“ und andere Experimente

von Clemens Böge

Dank DSGVO werden wir alle ständig und überall darauf hingewiesen, dass beim Besuch einer Website Cookies ihr Werk verrichten. So sinnvoll das in vielen Fällen auch sein mag, langsam werden die Dinger wirklich mühsam. Wenn ich nicht alles, was mir vorgesetzt wird, einfach akzeptieren will, dauert das Prüfen und bewusste Auswählen der Cookies oft länger als der geplante Besuch der Website dahinter.

Brauche ich eigentlich Cookies?

Um dem Datenschutz Genüge zu tun und gleichzeitig den Besuchern meiner Website nicht auf die Nerven zu gehen, habe ich mir die fast schon ketzerische Frage gestellt: Brauche ich eigentlich Cookies? Auf der Website der Beraterei gibt es keinen Web-Shop und keine Banner-Werbung. Ich biete keine offenen Seminare an, die zu bewerben und zu administrieren wären und die eigene Webstatistik habe ich mir schon sehr lange nicht mehr angesehen.
Mein Geschäft als Berater basiert vor allem auf Vertrauen, guten Kundenbeziehungen und Empfehlungen. Für mich ist meine Website daher primär eine – hoffentlich aussagekräftige – Visitenkarte im Web, die potentiellen Kunden und anderen Interessierten Informationen und Orientierung bietet. Dafür brauche ich keine Cookies.
Viele waren es eh nicht, aber auch die wurden jetzt entfernt. Ein Banner informiert darüber auf der Startseite (natürlich Cookie-frei, deshalb erscheint er bei jedem Besuch wieder). Das war’s. Welche Konsequenzen diese Änderung für die Nutzung der Website hat, werde ich wohl nie herausfinden – dafür bräuchte ich Cookies.

Allgemeine und spezielle Geschäftsbedingungen

Die „No Cookies“-Initiative geht in die gleiche Richtung wie andere Experimente, die ich schon vor einiger Zeit begonnen habe. Eine davon betrifft die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Die bestehen meist aus endlos lange Texte, die man sich selbst ausdenken, von Juristen oder Maschinen zusammenstellen lassen oder aus der Vorlage der Wirtschaftskammer kopieren kann – und die dann niemand liest. Inhaltlich geht es zu einem großen Teil darum, sich gegen irgendetwas Unangenehmes vertraglich abzusichern.
In meiner Arbeit betrifft das vor allem die mögliche Veränderung, Verschiebung oder gar Absage von vereinbarten Leistungen. Ich gehe in solchen Fällen aber grundsätzlich davon aus, dass das nicht aus Nachlässigkeit oder Gedankenlosigkeit passiert. Aus Sicht eines Kunden macht es in diesem Moment einfach Sinn, dass z.B. ein Workshop nicht stattfindet (auch wenn sich das in Zeiten der Pandemie leider etwas häuft). In solchen Fällen muss man ohnehin miteinander reden und versuchen, eine partnerschaftliche Lösung zu finden. Wenn ich stattdessen auf AGB und Stornofristen poche, hatte ich mal einen Kunden.
Daher verzichte ich auf AGB im klassischen Sinne. In meinen Angeboten ist das Thema abgedeckt durch den Satz: „Die Allgemeine Geschäftsbedingung der Beraterei heißt Vertrauen.“ Bisher bin ich gut damit gefahren.

Rechnungen „anstupsen“

Da es mir Spaß macht, Dinge ein klein wenig anders zu machen, gilt das auch für meine Rechnungen. Früher stand da ganz klassisch ein Zahlungsziel drauf. Wie man das halt so macht. Die Kunden zahlten dann wann sie wollten – manche früher, manche später. Je nach eigenen AGB, Freigabe-Prozess, Zahlungslauf, Urlaubssituation oder was auch immer. Was auf meiner Rechnung stand, schien ziemlich egal zu sein. Irgendwann ist mir dann die Idee des Nudging über den Weg gelaufen, also der Versuch, ein gewünschtes Verhalten nicht durch Ge- oder Verbote zu erzielen, sondern durch mehr oder weniger subtiles „Anstupsen“. Bestes Beispiel: Die Fliege im Urinal als Zielhilfe. Eine andere Möglichkeit des Nudging ist der Hinweis darauf, dass eine große Mehrheit die Dinge auf eine bestimmte (wünschenswerte) Weise tut.
Ich habe mir dann mal die Mühe gemacht, alle Rechnungen eines Jahres auf das tatsächlich erreichte Zahlungsziels hin zu überprüfen. Die Unterschiede waren recht groß, kleinere Organisationen zahlten meistens schneller als größere, insgesamt aber ergab sich: „90% aller Rechnungen der Beraterei werden innerhalb von 20 Werktagen bezahlt.“ Damit kann ich gut leben. Und genau dieser Satz steht seitdem auf meinen Rechnungen.
Ob sich dadurch etwas im Zahlungsverhalten meiner Kunden geändert hat, kann ich nicht genau sagen, ich habe keine zweite Analyse vorgenommen. Aber im Ergebnis passt es nach wie vor. Und mir gefällt der Gedanke, dass jemand den Satz auf der Rechnung liest und kurz schmunzeln muss.

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